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Entscheiden oder Scheitern?


Man sagt mir: „Entscheide dich, was du nach dem Abitur machen möchtest.“,
Eine ganz leichte Frage würde man meinen, 8 leichte Worte
und eine klare Antwort wird erwartet.
Als wäre es die tägliche Entscheidung, was ich heute anziehe
oder ob ich meine Haare heute lieber offen oder in einem Zopf tragen möchte.

Auf die Aufforderung und die 8 leichten Worte „Entscheide dich, was du nach dem
Abitur machen möchtest.“ Fällt mir die Antwort aber so schwer,
denn, ich will alles studieren.
Jura, Linguistik, Architektur,
Steuerrecht, Lehramt
ich will alles wissen.
Gleichzeitig möchte ich auch alles werden, egal ob Sanitäterin oder Physikerin.

Ich will wissen wie:
⁃ man Recht spricht
⁃ unsere Sprache gezielt nutzt
⁃ wie man Häuser baut
⁃ wie man Menschen rettet
⁃ wie ich auf den Mond fliegen kann
⁃ wie man Wissen weitergibt
⁃ warum Gravitation funktoniert
⁃ und warum ich mich entscheiden soll, wenn ich nicht mal weiß, was ich heute Abend essen möchte.

„Was willst du später mal werden?“ Als wäre Werden ein Endzustand.
Wir werden 80, 90 oder sogar 100
und trotzdem soll ich mich mit 19 entscheiden, was ich die nächsten 45 Jahre machen möchte?
Bisher wurde mir etwas vorgeschrieben, jeden Morgen pünktlich um 5:30 Uhr
aufstehen, um 7:45 Uhr in der Schule sein und das machen, was der Lehrer sagt. Aber
nach den kommenden 4 Monaten wird es anders sein. Nun sagt mir niemand mehr,
was ich machen soll, nun muss ich mich entscheiden, was ich machen möchte, aber
wie soll ich mich entscheiden, wenn mir niemand beigebracht hat sich zu
entscheiden. Und vielleicht möchte ich mich auch einfach nicht entscheiden.

Wir haben so viele Jahre und so wenig Spielraum
Ich möchte so viel wissen und alles lernen, aber das System sagt “Entscheide dich”
Ein Fach
Ein Job
Ein Lebenslauf
Ein gerader Strich von 19 bis 65
Und
Bloß keine Umwege.
Bloß kein „Vielleicht“
Bloß kein „Ich probiere es aus“
Als wären Neugier und das Wissen, dass man es eben nicht weiß ein Fehler.

Du möchtest gut und friedlich Leben? Dann entscheide dich.
Komme niemals auf die Idee deine Neugier auszubreiten.
Folge dem, was jeder macht.
Suche dir etwas “Vernünftiges” etwas mit Sicherheit und Zukunft.

Aber was ist, wenn ich erst verstehen möchte, bevor ich mich festlegen,
wenn ich ausprobieren will, scheitern will und neu anfangen will?

Vielleicht möchte ich Jura studieren und dann merke ich, dass mich die Sprache in
den Paragrafen mehr interessiert als der tatsächliche Inhalt.

Warum ist Wandeln Schwäche?

Heute, mit 19 Jahren weiß ich nicht, wer ich mit 65 sein möchte und vielleicht ist
“Werden” kein Ziel, sondern ein ständiger Zustand.

Und vielleicht beginnt Erwachsensein nicht damit,
eine klare Antwort zu haben, sondern mit dem Mut, Neugierig zu bleiben und sich
selbst die Erlaubnis zu geben, noch nicht zu wissen.

Chiara Avdija (J2)

Aktualisiert am 13. März 2026